Waschbären im evangelischen Gemeindehaus in Bruchenbrücken, im Anglerheim, im Kindergarten. Hier benutzt der Waschbär die Sandkisten auch als Latrine! Und in zahlreichen Privathäusern und Gärten. Kein Wunder, dass zum Friedberger Stadtgespräch der CDU im Bürgerhaus Bruchenbrücken unter der Überschrift „Der Waschbär - Ein possierliches Problem“ über 70 Besucher kamen. Darüber hinaus konnte der CDU-Vorsitzende Bernd Wagner auch seine Bruchenbrückener Kollegin Gudrun Dietrich, Ortsvorsteher Gunter Best (CDU) und Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender begrüßen.

Die Tatsache, dass Waschbären niedlich aussehen, lässt gern vergessen, dass sie waschechte Raubtiere sind. Und das bedeutet: Sie fressen andere Tiere – leider auch Arten, die gerade in der Wetterau bedroht sind, berichtete die Biologin Dr. Nadine Stöveken vom Landesjagdverband Hessen. Etwa die Europäische Sumpfschildkröte, bodenbrütende Vogelarten wie das Rebhuhn oder Amphibien wie die Erdkröte oder die Gelbbauchunke. Der ökologisch äußerst anpassungsfähige Waschbär kann effektiv Baumverstecke wie Spalten und Höhlungen und auch künstliche Nisthilfen auf Nahrung kontrollieren. Er ist daher in der Lage, zusätzlich Verluste bei Fledermäusen und höhlen- sowie baumbrütenden Vögeln zu verursachen.

Wenn der Mensch in die Natur eingreift, geht das selten gut. Auch im Fall des Waschbären ist das nicht anders. Das für die Verbreitung des Waschbären in Europa wichtigste Ereignis war das Aussetzen von zwei Waschbär-Paaren am 12. April 1934 am hessischen Edersee. Die vier Waschbären wurden vom Forstmeister Wilhelm Freiherr Sittich von Berlepsch auf Wunsch des Besitzers, des Geflügelzüchters Rolf Haag, ausgesetzt, noch bevor er dazu zwei Wochen später die Genehmigung des Preußischen Landesjagdamts erhielt, um dadurch „die heimische Fauna zu bereichern“. Ihre Nachfahren breiten sich derzeit rasant bei uns aus, erklärt Dr. Nadine Stöveken den über 70 Zuhörern. Die ursprünglich aus Nordamerika stammenden Kleinbären haben bei uns keine natürlichen Feinde. Und ihre Speisekarte ist riesig. Auch in der Wetterau sind sie so längst zur Plage geworden. Und viel wichtiger noch: Sie bedrohen heimische Tierarten. "Die Population in Deutschland dürfte inzwischen mehrere Millionen Waschbären umfassen“, so Dr. Stöveken. Waschbären sind Allesfresser, deren Speiseplan sich zu ungefähr 40 Prozent aus Wirbellosen, zu 33 Prozent aus pflanzlicher Nahrung und zu 27 Prozent aus Wirbeltieren zusammensetzt. Während Waschbären im Frühjahr vorwiegend Insekten, Würmer und andere schon verfügbare Tiere fressen, bevorzugen sie im Herbst kalorienhaltige pflanzliche Kost wie Obst und Nüsse, um sich genügend Winterspeck anzufressen.

Waschbär und Mensch
Aufgrund seiner Anpassungsfähigkeit ist es dem Kulturfolger gelungen, städtische Gebiete als Lebensraum zu nutzen. Die steigende Anzahl von Waschbären auch in Bruchenbrücken beweist dies. Während ausgeräumte Mülltonnen und abgeerntete Obstbäume von den Hausbesitzern zumeist nur als lästig angesehen werden, kann die Reparatur von Schäden, die Waschbären bei der Nutzung von Dachböden als Schlafplatz verursachen, mehrere tausend Euro kosten. Denn Waschbären schlafen mit großer Vorliebe in Gebäuden. Dies hat zur Folge, dass die geschickten Kletterer vermehrt nach Unterschlüpfen in warmen Dachböden suchen. Hier können sie große Schäden anrichten, indem sie die Dachisolierung zerstören und durch Urin und Kot die Räumlichkeiten unbenutzbar machen. Solche Latrinen stellen einerseits eine Geruchsbelästigung dar, können aber auch andererseits zur gesundheitlichen Gefahr werden, da sie häufig mit Eiern des Waschbär-Spulwurmes infiziert sind.

Waschbären als Krankheitsüberträger
Aus dem verstärkten Kontakt zwischen Waschbär und Mensch ergeben sich Probleme bezüglich der Übertragung von Krankheiten. Professor Sven Kimpel, der an der Goethe-Universität und im Frankfurter Senckenberg-Institut die Auswirkungen des Klimawandels auf Parasiten untersucht, berichtete zusammen mit Norbert Peter aus ihrem „Waschbärenprojekt“. Der Parasitologe Klimpel hat den Forschungsauftrag, die Durchseuchung der hiesigen Waschbärpopulation zu erforschen. Im Gegensatz zu seiner amerikanischen Heimat weist der Waschbär in Europa ein stark eingeschränktes Parasitenspektrum auf. Bei uns gilt zur Zeit nur ein einziger Parasit des Waschbären als ein für den Menschen potentiell gefährlich, nämlich der Waschbärspulwurm, der im Dünndarm der Tiere lebt. Im Darm ausgewachsener Waschbären, die infiziert sind, lassen sich bis zu 200 erwachsene Spulwürmer nachweisen, wobei das Wirtstier dadurch nicht oder nur unwesentlich in seinem Gesundheitsstatus beeinträchtigt wird. Diese starke Besiedlung des Darms bedingt die Ausscheidung von Millionen Wurmeiern, die in der Umwelt jahrelang überlebensfähig sein können. Während die eigentlichen Wurmeier selbst harmlos sind, entwickeln sich aus den Eiern die Larven, die die eigentliche infektiöse Zwischenform darstellen. Die Infektion erfolgt dabei durch die orale Aufnahme von Spulwurmeiern im Waschbärkot, zum Beispiel bei der Säuberung von Waschbärlatrinen. Weil der Mensch für den Spulwurm ein Fehlwirt ist, sind Erkrankungen aber selten. „Sollten Sie Kot eines Waschbären entdecken, denn entfernen Sie ihn bitte unbedingt. Jedoch vorsichtig. Im Kot der Waschbären tummeln sich massenhaft Parasiten wie Würmer, die für den Menschen gesundheitsgefährdend sein können. Stellen Sie sicher, dass Sie mit dem Kot nicht in direkten Kontakt kommen“, so Professor Kimpel. Er rät weiter, Einmalhandschuhe zu tragen und den Kot feucht zu halten, ausreichend Küchenrolle zum Aufnehmen des Kotes zu nutzen, nach dem Entfernen des Kots diese Stelle sowie auch die Sohlen der Schuhe mit einem Desinfektionsspray gut einzusprühen und schließlich den Kot samt der Handschuhe und der Küchenrolle in einen fest verschließbaren Müllbeutel zu packen und über die Restmülltonne zu entsorgen.

Wie aber können die lokal auftretenden wirtschaftlichen und gesundheitlichen Probleme entschärft werden? Wie können die negativen Auswirkungen auf heimische Arten verringert werden? Dazu gab Maarten Fijnaut, Vorstandsmitglied des Landesjagdverbandes und erfahrener Fallenjäger, wichtige Hinweise. Die Fallenjagd ist mit Abstand die effektivste Jagdmethode, um den dämmerungs- und nachtaktiven Waschbären zu erbeuten. Ursprünglich nicht heimische Tierarten wie der Waschbär müssen laut EU-Verordnung 1134/2014 seit 2016 im Bestand eingedämmt werden. Innerhalb befriedeter Bezirke (Ortschaften, Gebäude, Friedhöfe) ist nur die Fallenjagd zulässig. Wer als Eigentümer auf seinem Grund und Boden Waschbären fangen, töten und sich aneignen will, bedarf einer speziellen Ausbildung für die Fangjagd oder muss damit einen sachkundigen Jäger beauftragen. Zum Lebendfang sind nur Kasten- und Röhrenfallen mit bestimmten Abmessungen zulässig. Die Fallen müssen gewährleisten, dass das Tier unversehrt gefangen wird und diesem die Sicht nach Außen verwehren.
Eine Tötung von lebend gefangenen Tieren ist nur mit der Schusswaffe erlaubt, wobei neben dem Jagdschein im befriedeten Bezirk zusätzlich eine waffenrechtliche Schießerlaubnis vorhanden sein muss. Ein Aussetzen lebend gefangener Waschbären in der Natur ist unzulässig.

Eine angeregte Diskussion schloss sich an die sehr informativen Vorträge an. CDU-Vorsitzender Bernd Wagner bedankte sich bei Dr. Nadine Stöveken und Maarten Fijnaut vom Landesjagdverband Hessen sowie Professor Sven Kimpel und Norbert Peter von der Universität Frankfurt für ihr Kommen mit je einem Präsentkorb.

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